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OPTIMIERTE VISITENKARTE.

Für Christian Capaul ist das neue Geschäftshaus von rhiienergie ein innovatives und zugleich nachhaltiges Statement, doch die Bevölkerung sieht darin schon jetzt ein neues Wahrzeichen von Tamins. Das Haus ist aber auch der Beweis, dass sich Architektur, Solar­zellen und Gebäudetechnik zu einem nachhaltig funktionierenden Ganzen vereinen können.


Text: Fridolin Jakober

Bilder: Georg Aerni

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Der Auftrag des Bauherrn an den Architekten Bruno Krucker war klar: Es sollte ein Geschäftshaus werden, welches seine Energie selber produziert, gebaut aus nachhaltigen Materialien, aber funktionell, so dass das wachsende Team von rhiienergie darin effizient arbeiten kann. Entstanden ist 2019 ein Firmensitz, der einen dynamischen Energieversorger repräsentiert und zugleich an der Zufahrt zur Surselva und an der Grenze zwischen Strassenraum und Wohngebiet einen eleganten architektonischen Akzent setzt.


Das Ziel

Die Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MuKEn) legen fest: «Neue Gebäude versorgen sich ab 2020 ganzjährig möglichst selbst mit Wärmeenergie und zu einem angemessenen Anteil Elektrizität.» Derzeit liegt dieser angemessene Anteil bei 10 Prozent und er wird, wen wundert es, vom neuen Geschäftshaus der rhiienergie überschritten. Mit der installierten Dachanlage und der Fassadenanlage werden im Jahr 91 000 Kilowattstunden Elektrizität produziert, das entspricht dem Stromverbrauch für Lüftung, Heizung sowie für den betrieblichen Verbrauch. «Das Haus sollte einfach so viel Strom wie möglich produzieren, doch jetzt ist es fast ein Plusenergiehaus geworden», sagt Christian Capaul, Geschäftsleiter. «Doch rhiienergie lädt auch seine Elektrofahrzeugflotte im Gebäude, diese machen allein bis zu 20 Prozent des Stromverbrauchs aus. Deshalb erreichen wir den Standard Plusenergiehaus nicht.» Allerdings sind die Wärmepumpe und die Autoladestationen optimal aufeinander abgestimmt, so wird ein Autonomiegrad von 60 Prozent erreicht.


Eleganter architektonischer Akzent: das Geschäftshaus von rhiienergie.

Die Ästhetik

Energie produzieren mit einem Haus? Das geht nicht ohne Photovoltaik, und das wiederum bedeutet: Module auf Dach und Fassade. Zu sehen sind allerdings die 221 schwarzen Standardmodule auf den beiden gegen Süden geneigten steilen Dachflächen kaum und die Fassaden­anlage verbirgt sich zwischen den Fenstern der Südfassade – wer nicht weiss, dass sie dort ist, übersieht sie leicht. Denn die Photovoltaikpaneele sind hier mit einer hellen Siebdruckstruktur versehen, die Leiterbahnen der Photovoltaikmodule schimmern hinter dieser aufgedruckten Struktur durch. Das neue Geschäftshaus von Tamins produziert zwar eine Menge Strom, es zeigt seinen Charakter aber vor allem mit der dunklen Holzverschalung und den Sheddächern. Die Höhe des Erdgeschosses wird durch die Einstellhalle für die Transportfahrzeuge vorgegeben, darüber liegt das 1. Ober­geschoss mit den Büros und darüber das Dachgeschoss mit seiner offenen Holzkonstruktion. Die tragenden Betonbalken und Stützen, die Holzbinder, ja sogar die Lüftungsrohre bleiben sichtbar. Die Südfassade ist zweischalig. «Prallscheiben» werfen den Schall der dicht befahrenen Oberalpstrasse zurück, gesteuerte Markisen spenden Schatten in den Räumen. Die Büros sind hell, die Landschaft wirkt durch die grossen Fenster wie ein Bild – vom Betriebsgebäude aus lässt sich das Versorgungsgebiet, welches die Gemeinden Domat/Ems, Felsberg, Tamins, Bonaduz und Rhäzüns umfasst, überschauen.


Nützlich und angepasst

Die Energieversorgung dieser Gemeinden ist seit 114 Jahren die Kernaufgabe von rhiienergie. Christian Capaul zeigt auf die Kisten mit den ersten von Hand geführten Büchern der Firma aus dem Jahr 1906, sie sind derzeit neben der Tiefgarage gelagert. Inzwischen aber ist rhiienergie nicht nur für die langfristige Versorgungssicherheit und das Versorgungsnetz der fünf Gemeinden zuständig, sondern sie ist auch einer der innovativsten Energieversorger Graubündens. Im ehemaligen Steinbruch Calinis, Felsberg, wird die grösste ­Solaranlage Graubündens betrieben, welche jährlich 1,6 ­Gigawattstunden sauberen Strom liefert, an der A13 die weltweit erste Solaranlage auf einem Autobahnlärmschutz. Auch auf Schulen – etwa in Felsberg – oder auf Produktionsgebäuden wie dem Neubau von Hamilton in Ems wird das Energiepotenzial der Sonne genutzt. Selbst bei der Installa­tion von Solaranlagen auf Privathäusern geht rhiienergie ­interessante Wege. Man installiert nicht nur Speicher und ­Solarzellen, wer eigenen Solarstrom produzieren, aber nicht viel Kapital investieren will, hat mit dem Pachtmodell – welches ähnlich wie ein Leasing funktioniert – eine weitere Chance, zu eigener Solarenergie zu kommen.


Beton, Holz und Lüftungsrohre bleiben sichtbar.Beton, Holz und Lüftungsrohre bleiben sichtbar.

Entsprechend nützlich und angepasst ist auch das eigene Haus. Für Christian Capaul ist es schlicht die Chance, alles unter ein Dach zu bekommen. Vorher war rhiienergie in fünf verschiedenen Gebäuden zu Hause, was oft umständlich war. Jetzt bietet das neue Geschäftshaus optimierten Raum. Von der Tiefgarage mit den Stromtankplätzen über die Räume im Untergeschoss mit Duschen und Garderoben für die Mitarbeitenden, die Einstellgarage im Erdgeschoss, wo die Einsatzfahrzeuge für den Unterhalt der Netze stehen, bis zum Obergeschoss und zum Dachgeschoss, wo genügend Büroräume, eine Cafeteria, das Netzüberwachungszentrum, die Serverräume und ein Sitzungsraum mit Grossbildschirm Platz finden. Dort können 30 bis 40 Personen kleinere Veranstaltungen oder Vorträge besuchen. Die Arbeitsatmosphäre ist angenehm, die Wege sind kurz und alle Energiekomponenten des Gebäudes funktionieren Hand in Hand: Photovol­taik, Energieverbrauch des Gebäudes, Wärmepumpe, Ladestationen. Wer sich für clever eingesetzte Solartechnik interessiert, der findet in Tamins am Energieweg 1 eine Reihe von Inspirationen.


  Nur von oben zu sehen: die 221 schwarzen Standardmodule. Die Siebdruckstruktur an der Solarfassade.